Warum brauchen wir Obdachlose als Stadtführende?
Inklusion

Clemens Poldrack

Projektmanager — querstadtein e.V.

Warum brauchen wir Obdachlose als Stadtführende?

10:02·15 Oktober 2026

Clemens Poldrack ist Projektmanager bei querstadtein. Dieser Verein bietet Stadtführungen von Menschen, die obdachlos waren oder eine Flucht- und Migrationserfahrung haben.

Berlin ist der Ort, der 2013 zur Gründung von querstadtein e.V. geführt hat. Die hohe Obdachlosigkeit ist deutlich zu sehen, wird aber von vielen ignoriert, wie Clemens Poldrack erklärt. Der Verein möchte durch die Stadtführungen einen Dialog mit den ehemaligen Betroffenen eröffnen. Sie können und sollen so ihre Erfahrungen sichtbar machen.

Es sind Stadtführungen der anderen Art. Anstatt die Geschichte der Stadt zu erzählen, ist es die Geschichte einer Person aus dieser Stadt. Menschen mit Erfahrungen der Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit, Flucht- und Migrationserfahrungen zeigen die Stadt aus ihrem Blick. Im gleichen Zug machen sie auch auf strukturelle Probleme hinweisen.

Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter. Es sind nicht nur einzelne Schicksale, sondern Probleme, die alle betreffen: teure Wohnungen, wenig verfügbare Wohnungen, schlecht bis gar nicht sanierter Wohnraum, fehlende Unterstützung und noch viel mehr. Diese Probleme sind bekannt, aber oft nicht aus der Sicht der Betroffenen.

Auch im Jahr 2024 lag die Zahl der Obdachlosen laut des Berliner Senats noch bei über 55.000 Personen. Ihre individuellen Stadtführungen sollen die Toleranz der Mitmenschen erhöhen und sie zum Handeln bringen.

Der Verein, die Mitarbeitenden und die Stadtführenden leisten wichtige politische Bildungsarbeit, erläutert Poldrack. Die Bildungslücke bei Themen wie Obdachlosigkeit und Fluchterfahrungen sei noch zu groß.

Neben der Bildungsarbeit im Stadtbild bietet querstadtein auch Workshops an. Dort machen Kinder, Jugendliche aus Schulklassen oder anderen Bildungseinrichtungen Vor- und Nachbereitung der Führung. Für Erwachsene leitet der Verein Workshops zu Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit.

Auch wenn der Verein seit vielen Jahren existiert, sind auch hier die finanziellen Mittel nicht so leicht aufzutreiben. Daher wünscht sich Clemens Poldrack eine finanziell sichere Zukunft für den Verein, die nicht nur auf Förderungen angewiesen ist. Und ein weiterer Wunsch ist, dass noch mehr Menschen sich mit dem vielschichtigen Thema der Wohnungs- und Obdachlosigkeit beschäftigen, anstatt den Blick über sie schweifen lassen und sie zu ignorieren.

Lena Kirchner
Journalist impact.info
Veröffentlicht am 15 Oktober 2026